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Menschen und Unmenschen

06.Feb 2012

Quelle: Freie Presse, Sachsens größte Zeitung, Von: Reinhold Lindner

Mit viel Beifall aufgenommene "Tosca"-Premiere in Chemnitz betont das menschliche Drama mit seinem politischen Hintergrund

Chemnitz. Die Tosca-Premiere in der Chemnitzer Oper am Sonnabend war ein stattlicher Erfolg. Der stürmische Beifall wurde den drei Protagonisten zuteil, ihnen vor allem. Das ist ein Entweder-oder, denn von ihren Stimmen hängt die Wirkung dieses Musikdramas Giacomo Puccinis ab. Halbheiten würden das Stück kaputt machen.

Alle drei - Claudia Sorokina (Sopran), Oliver Zwarg (Bariton) und César Augusto Gutiérrez (Tenor) - wurden als Gäste geholt wie der Regisseur Jakob Peters-Messer. Der brachte auch die Ausstatter Markus Meyer (Bühne) und Sven Bindseil (Kostüme) mit. Das Heft allerdings blieb in hauseigenen Händen, Frank Beermann dirigierte die Schumann-Philharmonie und den Opernchor.

Über den Charakter dieses Werkes hat es von jeher sehr unterschiedliche Auffassungen gegeben, musikalisches Rührstück bis zum Missbrauch von Gefühl auf Kosten der Politik und Religion, andererseits Paradestück des Realismus auf der Musiktheaterbühne am Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Januar 1900 wurde "Tosca" uraufgeführt, der Stoff ist noch einmal 100 Jahre älter mit tatsächlichem Hintergrund der napoleonischen Fremdherrschaft in Rom. Die Chemnitzer Inszenierung lässt alle Mutmaßungen und auch die Historie weitgehend beiseite und verallgemeinert: Hier geraten Menschen in die Zange extrem praktizierter Macht und damit einhergehender Perversion. Wer das sieht und hört, kann sich nicht entziehen, der reale Hintergrund liegt nahe genug. Von Rührseligkeit keine Spur. Tosca, die berühmte Sängerin, tief religiös und an den konservativen Katholizismus gebunden, leidenschaftlich bis zur exzessiven Eifersucht - das ist die Diva, wohl bekannt. Künstlergemüt wie ihr Geliebter, der Maler Cavaradossi. Spontan sagt er seine Hilfe für den geflohenen Staatshäftling zu und bleibt konsequent, auch im Angesicht des Todes unter der Folter. Puccini gibt ihnen alle Möglichkeiten, Gefühle zu äußern, Claudia Sorokina und César Augusto Gutiérrez legen die Psyche blank. Die Sorokina ist mit ihrer dramatischen wie lyrischen Stimme noch eine Spur souveräner als ihr Partner, seine Stimme ist nicht in allen Lagen ausgewogen.

Scarpia ist das Zentrum, von ihm geht alles aus, zu ihm führt alles hin. Durchgängig ist schon von der Partitur her seine Musik lauernd im Spiel, die despotische Gebärde der Macht und der Verkommenheit, sie klingt fort selbst nach seinem Tod. Oliver Zwarg aber beherrscht auch mit Stimme und Spiel die Szene in der Chemnitzer Aufführung. Charakterlich ein ausgesprochenes Negativ-Profil, das aber hat sein Format, ein dominierendes. Er ist geil nach Macht, Unterjochung des Menschen im allgemeinen, und gleichermaßen auf die erotische Unterwerfung Toscas. Es war ein Haupteinwand gegen Puccini, dass er diesen ungeheuerlichen Vorfall schreiben konnte: Wie Scarpia in seinem Domizil die schöne Sängerin sexuell nötigt, dabei genüsslich Austern schlürft, während die Schreie des gefolterten Cavaradossi ihn anstacheln wie sie Tosca niederschmettern. Zwarg aber macht keineswegs ein Monster aus dieser Gestalt, die Gefahr des Polit-Thrillers verhindert er. Er ist Individuum, Un-Mensch.

Beermann folgt mit dem Orchester der Auffassung eines menschlichen Dramas, lässt die Partitur breit ausspielen und setzt schwere Akzente. Auch spielerische Dialoge - alles wird gesungen im italienischen Original - entfernen sich nicht vom dem Grundcharakter der latenten Todesgefahr, die auf allem lastet. Konsequent. Inkonsequent hingegen das niedliche unschuldige Engelchen, das als kindliches Tosca-Maskottchen durch die Szene geistert. Das bedient jene Süßlichkeit, die die Inszenierung ja nicht zulassen will.

Hörproben

Arie des Achilla
Caesare in Egitto - G. F. Händel

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"Hei Ha, wie es mutig steuert!"
Tristan und Isolde - Richard Wagner

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Diskografie

Der Schmied von Gent
(Franz Schreker)


Oliver Zwarg als Smee

Label: CPO, DDD, 2010
Caesare in Egitto
(G. F. Händel)

Oliver Zwarg als Achilla

Gran Teatre Liceu Barcelona, 2006

Pressematerial

Es stehen mehrere Pressefotos zur Auswahl, die in verschiedenen Format zur Verfügung stehen.
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